IMG_0737_balkenDas freie Spiel

Für die Entwicklung des Kindes ist das Spiel als die ihm gemäße Form des Lernens von existentieller Bedeutung.

Im Kindergarten sehen wir es jeden Tag als unsere Hauptaufgabe an, den Kindern eine Atmosphäre zu schaffen, in der das Spiel gedeihen kann. Nichts anderes bringt sie in ihrer Entwicklung so weit vorwärts als dieses freie Spiel. Ja, es kann sein, dass wir mal eingreifen müssen, wenn die Lebensäußerungen der verschiedenen Kinderwesen aufeinander prallen, aber meistens finden die Kinder selber Wege, sozialverträglich weiterspielen zu können. Hier findet Erziehung statt, hier werden die kleinen Einzelkämpfer zu sozialen Wesen, an sich selber lernen sie, wie Gemeinschaft funktioniert.

Jedes Kind spielt anders, jedes Kind folgt in seinem Spiel dem, was aus seiner Seele fließt und gibt dem aufmerksamen Begleiter eine Ahnung der Lebensmelodie dieses Individuums auf seinem Lebensweg. Zwischen der Art, wie das Kind mit dem Spielmaterial umgeht, wie seine Seelentätigkeit sich im Spiel vor dem Zahnwechsel äußert und wie dieser Mensch 20 Jahre später mit dem Ernst des Lebens umgeht, besteht ein Zusammenhang. Die Erwachsenen haben hier wirklich eine große Verantwortung. Indem das Spiel als entscheidende Grundlage für die weitere Entwicklung aller menschlichen Qualitäten anerkannt wird, wird der Erwachsene der Pflege des Spiels große Bedeutung beimessen.

Im Kindergarten dürfen Kinder spielen. Hier finden sie Spielpartner, hier finden sie Spielzeug, das freilassend alles oder nichts ist und Möbel, die mobil sind und benutzt werden dürfen. Unser Spielzeug ist natürlich, nicht ausgeformt, vergeblich sucht man im Waldorfkindergarten Konstruktionsspiele, Brettspiele oder Gesellschaftsspiele. Gesägte Bauklötze, genähte Puppen, gestrickte Tiere, Kastanien und Muscheln und Kerne aller Art finden sich, auch Seidentücher zum Verkleiden und gefilzte Königskronen. Andere Spielsachen brauchen die Kinder nicht.

Dies alles fördert die Seelentätigkeit des Kindes, diese wunderbar zarte erwachende Fantasie, damit das Kind sich gesund entwickeln kann.

Die Sprache

Immer wieder berichten Eltern von ihrer freudigen Verwunderung, wenn die Kinder zu Hause in poetischen Worten der Familie die Welt erklären. Wo haben die Kinder das her, fragen die Eltern uns. Neben den Märchenbildern, die sie im Kindergarten mitbekommen, sind es auch Geschichten aus dem Reigen oder aus den Liedern und Tischgesprächen, die in den Kindern nachhallen.

Der Reigen bietet eine gute Möglichkeit für die Pflege der Sprache in Verbindung mit Musik und Bewegung. Voller Freude und Nachahmekraft schlüpfen die Kinder in das rhythmische Geschehen, in die Rollen der Wesen und in die Bilder der Reigen. Mit dem Erwachsenen füllen sie nachahmend die besungenen oder gesprochenen Inhalte aus, werden selber Ritter und Prinzessin, Drache und Schmied. Sie prägen sich die Worte sehr schnell ein und sprechen schon bald alles mit. Deshalb lebt der Reigen oder auch ein Märchen für zwei bis vier Wochen im Kindergarten. So können die Kinder sich mit den Bildern wirklich vertraut machen.

Wir gestalten diese Reigenspiele so, dass sie jahreszeitlich als sinnvoll erlebt werden können. Dadurch stärken wir die kindlichen Lebenskräfte und Willenskräfte und schaffen eine erste Grundlage für das sich später entwickelnde abstrakte Denkvermögen. Durch den Reigen und auch in den Puppenspielen, Märchen und rhythmischen Geschichten gelingt es, den Kindern ein Wissen über die Umwelt, die Natur, die Jahreszeiten, Berufe und geistige Zusammenhänge zu vermitteln, das ganz aus der Bewegung und Anschauung erwächst. So legen die Kinder einen innerlichen Erfahrungsschatz an, der eine kräftigende Wirkung hat. Nebenbei wir auch die Sprache gefördert, denn durch die sorgsame Auswahl der Texte eignen die Kinder sich wohlklingende, sinnhafte Worte an und erwerben sich einen bilderreichen Wortschatz.

Im Märchen nähren wir die kindliche Seele durch die Bilder, die dem kindlichen träumenden Wesen sehr vertraut sind. Es sind uralte weisheitsvolle Geschichten, die Lebensrealitäten beschreiben. Sie sind nicht immer wörtlich zu verstehen, aber sprechen zum Kind in der Sprache, die sie in der Seele wiedererkennen. Sehr bewusst ausgewählt erzählen wir auch diese Geschichten mehrere Wochen lang, ohne die Kinder zu langweilen.

Die Musik

Auch pflegen wir im Kindergarten die Musik. Die unkomplizierteste und kindgemäße Art der Musik ist das Singen. Wir singen alte Volkslieder und Kinderlieder mit wahrhaftigem oder humorvollem Inhalt. Wir spielen Kreistänze und Singspiele in dem Wissen, dass Sang und Klang für die kindliche Seele Balsam sind.

Alles im Menschen schwingt. Die allerfeinsten Nervenzellen, Atem, Herz und Puls haben einen rhythmischen Takt, der aufeinander abgestimmt ist. Gestörte Rhythmen führen zu Erkrankungen und das Singen und Musizieren wirkt wie eine Therapie. Sie wirken als Gesundheitserreger.

Wunderbare Musikinstrumente stehen den Kindern zur Verfügung. Es macht Spaß und ist gemeinschaftsbildend miteinander zu musizieren. Es fördert auch ganz natürlich die Qualität des Hörens und legt im Innern einen Schatz an, der die Kinder in ihrem Leben begleiten wird.

Jeden Freitag kommt eine Musiklehrerin zu uns in den Kindergarten, die in verschiedenen Kursen, zu denen die Eltern die Kinder anmelden müssen, musikalische Früherziehung anbietet. Dort lernen die Kinder verschiedene Musikinstrumente, wie z.B. Harfe, Flöte oder Triangel, und ihren Klang kennen. Sie singen gemeinsam und tauchen tiefer in die Rhythmik ein.

Die Kunst

Die Kunst ist Ausdruck einer individuell erlebten Schönheit oder Wahrheit. Und gleichzeitig wirkt die Schönheit und Wahrheit der Kunst auf die Individualität des Menschen. So wie die physische Erziehung auf die Gesundheit zielt, die logische auf die Einsicht und die moralische auf die Sittlichkeit, so zielt die ästhetische Erziehung darauf, das Ganze unserer sinnlichen und geistigen Kräfte in möglicher Harmonie auszubilden.

Darum geben wir uns Mühe, den Kindergarten als Ort der Schönheit erlebbar zu machen. Die Farbigkeit der Wände, das viele Holz, die ästhetischen Spielsachen und Möbel und die einfache Schlichtheit vermitteln ein Gefühl der Wärme und Schönheit. Und wir geben den Kindern anfängliches Handwerkszeug, selber künstlerisch Schaffende zu sein. Jede Arbeit ist Kunst, wenn sie gut getan wird. Als Schnitzer und Näher, als Weber und Koch, als Maler und Gärtner erfährt das Kind seine eigenen Fähigkeiten. Es ist nicht egal, wie das Ergebnis aussieht, wir versuchen gemeinsam, möglichst zufriedenstellende Resultate zu erzielen, auf die das Kind stolz ist.

Beim Malen lassen wir die kleinen Künstler z.B. mit  Wachsmalblöckchen malen. Diese liegen gut in den kleinen Kinderhänden und erlauben den Kindern, mit wenig Kraft satte Farben zu erzeugen. So können sie mühelos ihre Welt auf Papier bringen. Auch malen wir gerne mit Wasserfarben. Dabei malen wir nass in nass, das heißt, dass wir die Aquarellbögen einweichen und nass auf Malbretter ziehen. So können die Kinder ein großes Bild mit dicken Pinseln und leuchtenden Farben entstehen lassen. Es ist ein echtes Abenteuer, das Farbenspiel zu sehen. Eine ganz eigenen Dynamik entsteht und erfüllt die Kinder mit höchster Zufriedenheit.

Gerade beim Wasserfarbenmalen erleben die Kinder, wie aus den drei Grundfarben Rot – Blau – Gelb alle Farben entstehen. Durch Mischung schaffen sie alle Regenbogenfarben, aus denen die Welt sich zusammensetzt. Sie üben das Hinschauen, denn die Umgebung zeigt sich ihnen in der Vielfalt der Farbigkeit. Sie versuchen, inner Bilder auszudrücken die aus der Anschauung entstanden sind oder auch Bilder, die aus der Seele aufsteigen, die vielleicht Körperprozesse ausdrücken. So kann es sein, dass ein Kind z.B. ein rotes Bild malt und danach merken wir, dass es Fieber hat. Mit den gleichen Farben malen die Kinder höchst individuelle Bilder.

Beim Filzen z.B. üben die Kinder, sich eine Anschauung der Realität zu bilden. Wie genau sehen die Ohren beim Schäfchen aus, was macht ein Huhn aus, wie gestalte ich eine Blume. Das genaue Betrachten wird forciert und gelernt, wie das Beobachtete in ein Ergebnis umgesetzt werden kann, das meiner Anschauung entgegenkommt. Das ist Kreativität, das ist Kunst, wenn Menschen etwas machen wollen und es auch können. Die hohe Kunst der Erziehung besteht dann darin, den Kindern Erfolgserlebnisse zu ermöglichen.

So stehen die Kinder und Erwachsenen in der Welt, die unerschöpflich an Eindrücken und Bildern, Gedanken und Wahrheiten ist und üben, aus dem Inneren in eigener Fantasie und Gedankentätigkeit zu verarbeiten und auszudrücken, was ergriffen wurde.